Verhafteten Genossin [Deutsch]

VERHAFTETEN GENOSSIN

An die deutsche und spanische Justiz, an die europäischen

Staatsoberhäupter und an die katalanische Polizei

Wir schreiben diese Zeilen, weil ihr euch am 13 April 2016 dazu

ermächtigt habt, mit einem europäischem Haftbefehl Razzien in drei Häusern
durchzuführen, um eine feministische Genossin mit der Beschuldigung
festzunehmen, dass sie an Banküberfällen in Norddeutschland beteiligt
gewesen sei.

Ihr seid Rädchen in einem Getriebe, das aus der Welt eine Wüste und die

Erde unmenschlich macht. Ihr steht auf der privilegierten Seite des
Abgrunds und habt euch dafür entschieden, menschliches Leiden nicht
wahrzunehmen. Ihr gestaltet Gesellschaft auf eine Art und Weise, die das
Leben, die Würde, und die mitmenschliche Fürsorge für unwichtig erklärt.

Für uns spielt es keine Rolle, ob die Anschuldigungen gegenüber der

inhaftierten Genossin zutreffend sind. Es ist uns egal. Das Schlimme ist
nur, dass es auch euch gleichgültig ist. Die Verhaftung ist nur eine
weitere Inszenierung von euch, die uns alle glauben lassen sollen, dass man
euch braucht und dass ihr uns vor gefährlichen Feinden schützt (Diebe,
Terroristen, Jihadisten, anarchistische Terroristen und so weiter …). Für
dieses Schauspiel setzt ihr auf Falschinformationen durch Massenmedien, die
im Dienst der Unterdrückung stehen.

Die großen Diebe sitzen hinter den Tribünen der Richter, der

Staatsanwälte, der Gerichtsvollzieher, der Parlamente. Sie dringen in den
Alltag ein durch Bankkonten, Kreditkarten, Stromrechnungen,
Wasserabrechnungen, Steuererklärungen, Benachrichtigungen über abgelehnte
Stipendien und abgelehnte Sozialhilfeanträge.

Wir sind mit der europäischen Union zusammengestoßen. Ihr wollt

bestimmen, wie Menschen sich auf ihrem Territorium bewegen dürfen; ihr
wollt die Genossin, die am 13ten April verhaftet wurde, in ein deutsches
Gefängnis holen.

Seit Monaten verurteilt ihr Hunderttausende von Flüchtlingen zum Elend

und zum Tod. So wie ihr seit Jahren hunderttausende Migranten durch das
Schließen von Grenzen zum Sterben verurteilt. So wie ihr es seit
Jahrhunderten durch Kolonialismus und Imperialismus tut.

In diesem Abgrund verwandeln sich Ungerechtigkeit und Ungewissheit

manchmal in Wut, Verzweiflung und Ohnmacht. Und bisweilen führen sie zu
Formen des kollektiven Widerstandes, zu sozialen Netzwerken und zu
Selbstorganisierung. Das macht euch Angst.

Nun habt ihr eine von uns festgenommen — und uns damit alle getroffen

–, weil ihr wisst, dass es weltweit viele Frauen, Lesben, und
Transpersonen gibt, die jene Realität nicht hinnehmen, die ihr uns
aufzwängt. Unverändert werden wir es nicht stillschweigend hinnehmen, dass
es noch einmal zu solch einer unglaublichen Polizeiaktion kommt.

Was mit einer von uns passiert, geht uns alle an.

Wir kämpfen für die Freiheit unserer Genossin und gegen ihre

Auslieferung. Wir wollen sie in unserer Mitte haben, nicht in Deutschland
und auch nicht im Knast.

Barcelona, im April 2016

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